Der erste Kakao des Jahres
Der erste Kakao des Jahres
Es gibt keinen festen Termin. Kein Datum im Kalender, keinen Wecker, der klingelt. Aber irgendwann Ende September passiert es trotzdem. Du stehst morgens in der Küche, schaust aus dem Fenster, und das Licht ist anders. Nicht schlechter. Nur anders. Flacher. Goldener. Es fällt jetzt schräg durch die Scheibe und wirft lange Schatten auf den Küchenboden, die im August noch nicht da waren. Das Laub hat noch nicht angefangen zu fallen, aber die Luft riecht schon nach dem, was kommt. Nach feuchter Erde, nach nassem Asphalt nach dem ersten Regen, der sich kalt angefühlt hat.
Und dann greifst du zur Dose.
Der Geruch kommt zuerst
Es ist kein bewusster Entschluss. Du hast den ganzen Sommer Matcha getrunken, Eiskakao, kalte Limonaden mit Minze und Zitrone. Du warst zufrieden damit. Aber jetzt, an diesem Morgen, will der Körper etwas anderes. Etwas Warmes. Etwas, das schwerer ist als ein Kaltgetränk, das sich anders anfühlt als ein schnell hinuntergetrunkener Kaffee vor dem ersten Termin des Tages.
Die Dose steht noch im Schrank, wo du sie im April verstaut hast. Du nimmst sie raus, drehst den Deckel auf. Der Geruch kommt sofort, noch bevor du den Löffel nimmst. Kakao, der nach Kakao riecht und nicht nach Süßigkeit. Dunkel, ein bisschen erdig, mit einer Tiefe, die man nicht beschreiben kann, ohne dabei an Herbst zu denken. Du hältst kurz inne.
Du nimmst den Löffel, gibst das Pulver in die Tasse. Zwei Esslöffel, vielleicht drei. Die Milch erwärmst du langsam, schaust zu wie sie sich bewegt. Dann gießt du sie drüber, rührst um. Die dunkle Masse löst sich, die Tasse wird braun, fast schwarz. Du hältst sie mit beiden Händen.
Was man erst beim zweiten Schluck merkt
Es ist seltsam, wie sehr man sich auf etwas gefreut hat, ohne es zu wissen. Der erste Kakao des Jahres ist nicht aufregend auf eine Art, die man erklären könnte. Er ist kein Ereignis, kein Anlass, keine besondere Vorbereitung. Er ist einfach da, und du merkst erst in diesem Moment, dass du auf ihn gewartet hast. Seit Monaten, ohne es zu merken.
Der erste Schluck ist heiß. Du wartest eine Sekunde zu kurz. Dann trinkst du trotzdem, und du schmeckst zuerst die Wärme, dann den Kakao. Die Bitterkeit kommt danach, tief und rund, nicht unangenehm. Dann die Milch, die alles weicher macht. Dann der Abgang, der bleibt. Nicht wie Kaffee, der sich verabschiedet. Eher wie ein Satz, den man noch eine Weile im Kopf behält, nachdem man aufgehört hat zu lesen.
Du setzt die Tasse ab. Nimmst sie wieder. Schaust aus dem Fenster.
September schmeckt anders als Dezember
Dark Hot Chocolate schmeckt im September anders als im Dezember. Im Dezember ist sie selbstverständlich. Eingebettet in Weihnachtsmarkt und Kerzenlicht und Zimtgeruch, der aus dem Backofen kommt und sich in der ganzen Wohnung verteilt. Im Dezember ist sie Teil von etwas, das man erwartet.
Im September ist sie noch neu. Die Wohnung riecht noch nach Sommer, nach dem Staub, der sich in der Hitze abgesetzt hat, nach dem Fenster, das die letzten Wochen immer offen stand. Draußen sind noch Leute in T-Shirts, auch wenn der Morgen schon anders riecht. Und du sitzt mit einer warmen Tasse dunklem Kakao, der noch nicht in diese Jahreszeit gehört, aber schon so riecht, als ob er es täte.
Der erste Schluck im September hat deshalb etwas Überraschendes, obwohl man ihn eigentlich erwartet hat. Man trinkt ihn und denkt: Ach ja. So ist das also wieder.
Die andere Hälfte des Jahres
Manche Dinge markieren einen Übergang besser als ein Datum. Nicht der erste September, nicht der meteorologische Herbstanfang, nicht das erste Blatt, das von einem Baum fällt. Sondern dieser Morgen, diese Tasse, dieser Moment in der Küche, in dem man merkt, dass sich etwas gedreht hat. Nicht dramatisch. Eher wie eine Tür, die jemand leise zugezogen hat.
Du spülst die Tasse, stehst noch kurz am Fenster. Die Sonne ist jetzt höher, der Schatten auf dem Küchenboden kürzer. Der Tag beginnt. Aber der Morgen hat etwas hinterlassen, das schwer zu benennen ist. Eine Art Bereitschaft. Eine leise Vorfreude auf das, was kommt.
Die Dose steht jetzt wieder auf der Küchentheke. Nicht versteckt im Schrank wie im Sommer. Einfach da. Wo sie hingehört.
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